Ob man Kortison nimmt oder Wasser, macht kaum einen Unterschied

Bislang gehen die Orthopäden wenig präzise davon aus, dass nach unter dreitausend bis fünfzigtausend Injektionen eine solche Komplikation zu erwarten ist. Zieht man in Betracht, dass in ihren Praxen hierzulande jährlich geschätzte zwanzig Millionen Kortison-Spritzen gesetzt werden, würde sich allein dies auf bis zu siebentausend Betroffene addieren. In den offiziellen Krankenhausstatistiken ist in den vergangenen zehn Jahren parallel zu der Zunahme der Steroidinjektionen auch die Zahl solcher Gelenkinfektionen um dreißig Prozent angestiegen. „Eine Spritze ins Knie ist keine harmlose Prozedur und sollte nicht leichtfertig vorgenommen werden“, warnt Shemesh, „vor allem, wenn man bedenkt, dass ihr langfristiger Nutzen fraglich ist.“

Letzteres konnten im Frühjahr wieder einmal Rheumatologen vom Bostoner Tufts Medical Center in der Fachzeitschrift „Jama“ belegen. Sie hatten 140 Arthrose-Patienten zwei Jahre lang entweder regelmäßig Kortison oder Wasser ins Knie gespritzt. Ergebnis: An den Schmerzen hatte das Kortison langfristig nichts geändert. Knorpelverlust und Gelenkverschleiß waren dagegen in dieser Patientengruppe ein kleines Stück weiter fortgeschritten.

Bei Rückenleiden ist die Bilanz noch ernüchternder

Bei Rückenleiden ist die Bilanz noch ernüchternder. Jan Hildebrandt, einst Chef der Schmerzmedizin der Universitätsklinik Göttingen, war 2011 an einer entsprechenden Cochrane-Analyse beteiligt. Sinnvoll erschien ihm und seinen Kollegen eine solche Spritze nur unter einer einzigen Voraussetzung: wenn sich bei einem akuten Bandscheibenvorfall der gequetschte Nerv entzündet und der Schmerz in Arme oder Beine zieht. Bei chronischen Rückenleiden dagegen, schrieben sie, sei eine Spritze in der Regel die falsche Wahl. Dies gelte unabhängig davon, ob sie in die Wirbelgelenke, in die Muskulatur oder als sogenannte epidurale Injektion auf die Dura, die Haut des Rückenmarks, gesetzt wird: „Die meisten Kortikoidinjektionen“, sagt Hildebrandt, „sind überflüssig und wirkungslos und werden oft auch noch auf die falsche Art und Weise gegeben.“ Ohne Gegenkontrolle auf dem Röntgenschirm zielen die meisten Ärzte regelmäßig daneben. Schnell mal zwischen Tür und Angel, sagt Hildebrandt, lasse sich eine Spritze eben nicht verabreichen, allein schon wegen der nötigen Sterilität.

Sie möchten über mögliche Nebenwirkungen den ganzen Artikel lesen? Dann klicken Sie hier