"Erika Baum arbeitet als Allgemeinmedizinerin, inzwischen seit 35 Jahren. Viele Menschen, die mit Rückenschmerzen zu ihr in die Praxis kommen, erwarten, dass ein MRT-Bild von der Wirbelsäule gemacht wird, mindestens mal soll sie geröntgt werden. Der Dialog zwischen Baum und ihren Patienten geht dann immer in etwa so: „Möchten Sie sich denn operieren lassen, wenn wir was finden?“ – „Nö, operieren lassen würde ich mich nicht.“ – „Na, dann brauchen wir das Bild auch nicht, vom Bild wird’s nicht besser.“

Baum lacht, wenn sie das am Telefon erzählt. Sie weiß, dass es schwer ist, nicht zu operieren, wenn es erst einmal ein MRT- und Röntgenbild gibt, auf dem die Wirbelsäule irgendwie schlecht aussieht. Und sie sieht mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schlecht aus. Das haben mehrere Studien gezeigt, in denen MRT-Bilder von den Rücken beschwerdefreier Patienten gemacht worden sind. Auf bis zu fünfzig Prozent davon sind „Veränderungen an der Wirbelsäule“ zu erkennen. Die Hälfte der Leute haben also was an den Bandscheiben – ohne dass ihnen das je Probleme gemacht hätte."

Entnommen aus dem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung "Jetzt aber mal langsam" vom 19.04.2017

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